Berliner Konzert Chor
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Presse-Echo

November 2009, Konzerthaus (Großer Saal)

Robert Schumann, Das Paradies und die Peri

Tagesspiegel vom 23.11.2009
KURZ & KRITISCH - KLASSIK
Worte verzaubern: Robert Schumanns Oratorium „Peri“ im Konzerthaus

Was soll das alles,“ so schimpft Gerd Belkius, Chorbass und Programmheftautor des Berliner Konzert Chors, angesichts vielfältiger Kitsch-Vorwürfe gegenüber Robert Schumanns Oratorium „Das Paradies und die Peri“. Wüssten die Kritiker und selbsternannten Fachleute nicht, wie man ein Märchen genießt? Gut geschimpft! Tatsächlich ist „Märchen“ das entscheidende Wort, wenn man die Geschichte von der nach Erlösung suchenden persischen Fee richtig verstehen und erzählen will. Im Konzerthaus gibt es an diesem Abend allerdings nur Einen, der die Aura eines echten Märchenerzählers besitzt: den Bass Jörg Gottschick. Mit Blickkontakt zum Publikum singend, gibt der jedem Wort den Zauber des Geheimnisses zurück. Und nicht nur das: Das Bild vom Sünder, der beim Anblick eines in einer Ideallandschaft schlummernden, wehrlosen Kindes in reuige Tränen ausbricht - er malt es nicht mit naiver Hingabe, sondern mit dem überlegten Gestaltungswillen eines Caspar David Friedrich. Gemessen daran, dass selbst Simon Rattle und Ingo Metzmacher ihre Schwierigkeiten mit dem Stück gehabt haben, erfreut Jan Olbergs Dirigat durch seine solide Überzeugungskraft - auch wenn ihn das Konzerthausorchester noch etwas großzügiger unterstützen könnte und die Chorsoprane in ihrem etwas treuherzigen Bemühen um Textverständlichkeit nicht immer wie Engel klingen. Die Sopranistin Silvia Weiss und der Tenor Michael Zabanoff verzaubern nur bei Einzelworten, engagieren sich aber durchgängig für ihre Partien. Die Mezzosopranistin Manuela Bress tut dies auch, ist aber mit ihrer Wagner-Stimme trotzdem keine Idealbesetzung: Schumanns Märchen von der Begegnung mit dem inneren Kind verlangt einfach nach einem kontrollierteren Piano. Carsten Niemann

Juli 2009, Gendarmenmarkt

Classic Open Air in Berlin

Classic Open Air in Berlin: Firstnight - 2.7.2009

Quelle: ► www.berlinatnight.de

Am Beginn der Konzertfolge auf dem Gendarmenmarkt steht in jedem Jahr die First Night mit unterschiedlichen musikalischen Themen. Dieses Mal erklingen unter dem Titel Klassik Spektakulär bekannte und beliebte Arien, Duette und Orchesterwerke von großen Meistern der klassischen Musik. Spektakulär ist auch die Besetzung des Konzertes. Herbert Feuerstein, Autor, Journalist , Schauspieler, Satiriker, Entertainer und musikalisch "vorbelasteter" Künstler, der in der Presse als Unikum der Medienlandschaft bezeichnet wird, führt auf seine unverwechselbare und originelle Weise durch den Abend. Er plaudert über die Lust und Leidenschaft großer Komponisten und bringt deren Werke dem Zuhörer auf unkonventionelle Weise näher. Mit Carmen Fuggiss, Star der Staatsoper Hannover, Bariton und Countertenor Hagen Matzeit, der zur Zeit an der Komischen Oper Berlin in der Inszenierung "Theseus" gastiert, und der Berliner Konzert Chor vervollkommnen die glänzende Besetzung. Begleitet werden die Solisten von der Anhaltischen Philharmonie Dessau unter ihrem neuen Generalmusikdirektor Antony Hermus. Das Konzert endet mit einem großen Feuerwerk!

Januar 2009, Konzerthaus Berlin

Neujahrskonzerte der Volkssolidarität / VS Kultur

Details: ►Artikel der Berliner Zeitung 10./11. Januar 2009

März 2008, Philharmonie Berlin

Felix Mendelssohn Barhtoldy: Die erste Walpurgisnacht
Ermanno Wolf-Ferrari: La vita nuova

Tagesspiegel vom 14.03.2008

KURZ & KRITISCH - KLASSIK

Die Temperaturen der Liebe

Ach, die Liebe! Dante Alighieri erwischte sie schon als Neunjährigen derart heftig, dass er später über dieses Ereignis gleich einen ganzen Stapel beseelter Gedichte verfasste. Nicht minder erregt ist die Kantate „La vita nuova“, die Ermanno Wolf- Ferrari 1901 zu diesen Texten komponierte. Bildgewaltig wie Dantes Sprache durchwandert sie alle Stadien der Anbetung vom Hymnus bis zum Hollywood- Kitsch. Eine für die Entstehungszeit etwas antiquiert klingende Musik, die jedoch für den Berliner Konzert-Chor samt Berliner Konzert Orchester an diesem Abend in der Philharmonie reichlich Stoff für poetische Gestaltung bietet. Einfühlsam arbeiten sich Sänger wie Musiker unter der Leitung von Jan Olberg durch die verschiedenen Temperaturen der Liebe, vom schamhaft glühenden Prolog bis hin zum eisigen Totenlied über die Geliebte, vom prallen Tutti bis hin zum kammermusikalischen Geplauder mit Jörg Gottschick (Bariton) und Birgit Fandrey (Sopran). Nur da, wo in langsamen Passagen Eindringlichkeit mit Pathos verwechselt wird, schleppt es sich ein wenig mühsam dahin. Ein vorübergehendes Dunkel, das die Kinderchöre des Berliner Konzertchores, des Schiller-Gymnasiums Potsdam und des Händel-Gymnasiums Berlin sowie der Löwenkinderchor mühelos wieder aufhellen. Im Gegensatz zum himmlischen Gestus der Dante-Kantate klingt es in Bartholdys „Erster Walpurgisnacht“ erdiger. Hier herrschen Triebe statt Liebe – an diesem Abend zwar ein wenig bedachtsam, doch immerhin voll dunkler Geheimnisse. Dorte Eilers

März 2007, Philharmonie Berlin

Leonard Bernstein: Chichester Psalms
Dave Brubeck: The Light in the Wilderness

Tagesspiegel vom 30.3.2007

KURZ & KRITISCH - KLASSIK

Swing des Himmelreichs

Wie tausend Zungen klang es durch die Philharmonie: sphärisch die Vokalisen der Damen, sprachnah und vielstimmig die Herren, wenn sie die Zwietracht der Heiden am Turm zu Babel naturalistisch imitierten. Die perfekte Balance zwischen beiden bildete der androgyne Klang des Knaben-Alts, den der junge Elias Maria Kaufhold mit unverstellt natürlichem Timbre gab. Etwas tumultuös waren die „Chichester Psalms“ von Leonard Bernstein los gegangen, mit jazzigem Blech und vollem Stimmeinsatz. Aber im weiteren überzeugte der Berliner Konzert Chor (samt gleichnamigem Orchester) dank des plastischen Dirigats von Jan Olberg. Dieses machte auch vor akustischen Mysterien nicht halt, wie der Schluss der „Psalms“ eines ist: In schönster Demut versinkt hier der gesamte Chor, am Ende bleibt nur numinoser Schauer. Das Gegeneinander von weltlich-infernalischem Lärmen und sphärischem Streicherchor bleibt auch die Quintessenz von Dave Brubecks „The Light of the Wilderness“. Der legendäre Vertreter des Cool Jazz schrieb dieses ausgedehnte Chorwerk 1967 auf Texte aus dem Neuen Testament. So entstand ein rätselhaftes Gemisch aus Kirchenchoral und Jazz-Improvisationen. Prächtig bewähren sich Pianist und Trompete in ihren Soli. Daneben stehen viele choralartige Passagen, die allein vom gemütvollen Bariton Sebastian Bluths profitieren. Wo sich die Extreme treffen, bleibt vorerst Brubecks Geheimnis. Aber schließlich kann auch der Bläserchorus nur in breiteste Big-Band-Nostalgie verfallen: „The kingdom of heaven is at hand“ – das Himmelreich swingt. Matthias Nikolaidis

Januar 2005, Philharmonie Berlin

Französische Impressionen

Lili Boulanger: Psalm 130 "Du fond de l'Abîme"

Gabriel-Urbain Fauré: Requiem

Tagesspiegel vom 18.1.2005

KURZ & KRITISCH - KLASSIK

Aus der Tiefe des Traums

Am Anfang herrscht Finsternis. Im Verein mit der großen Trommel dröhnt die Orgel im tiefen Register. Dann fleht der Chor zu Gott: „Aus den Tiefen rufe ich dich an". In ihrer Vertonung von Psalm 130 variiert Lili Boulanger (1883-1918) den Bibeltext, lässt Gott doppelt anrufen, fügt ein in schmerzvollen Sekundenabständen gesetztes "Ah" hinzu. Man kriegt Gänsehaut davon. Aus dem Helldunkel zerklüfteter Orchesterfiguren erhebt sich die ausdrucksvolle Altstimme von Manuela Bress, mischt sich mit dem Berliner Konzert Chor und dem Konzertchor Köln. Boulanger wurde maßgeblich von Gabriel Fauré (1845-1925) beeinflusst, den sie auch persönlich kannte. In der Philharmonie lässt sich so eine kontrastreiche französische Kopplung erleben: Auf Zerrissenheit folgt Sanftmut. Faurés Requiem wirkte 1888 skandalös, weil es so friedfertig daherkam. Die Kirche sah sich eines Druckmittels beraubt, denn die Drohung mit Verdammnis war Fauré fremd. Jan Olberg dirigiert die üppige sinfonische Fassung von 1901, das im vergangenen Jahr neu gegründete Berliner Konzert Orchester empfiehlt sich mit samtigen Klängen und lebendiger Rhythmik besonders im „Agnus Dei". Sylvia Weiss (Sopran) und Egbert Junghanns (Bass) sind gute Solisten, und die Choristen lassen verschmerzen, dass Faurés Totenmesse ein wenig süßlich „in paradisum" ausklingt. Allzu parfümiert, um wahr zu sein. Jens Hinrichsen

November 2004, Philharmonie Berlin

Jubiläumskonzert - 50 Jahre Berliner Konzert Chor

Felix Mendelssohn Bartholdy: Elias

Berliner Morgenpost vom 9.11.2004

Ressort Tagestips Klassik

"Elias" zum Geburtstag

Sie hatten Großes vor, die 13 Sänger, die sich am 1. April 1954 in Schöneberg trafen: die Gründung des Berliner Konzert Chors. Am 13. November debütierte das Ensemble in der Neuköllner Pauluskirche. Seither gab es Konzerte in vielen Ländern, in Berlin füllt der Chor die großen Säle. Heute feiert er den 50. Geburtstag mit einem Festkonzert in der Philharmonie. Auf dem Programm steht Felix Mendelssohn Bartholdys "Elias". Leitung: Jan Olberg. Neben dem Chor und Solisten spielen Johannes Raudszus (Orgel) und das Berliner Konzertorchester (Herbert-v.-Karajan-Str. 1, Tiergarten. Tel.: 826 47 27. Heute 20 Uhr, 724,50 Euro). sb

Tagesspiegel vom 11.11.2004

KLASSIK

Brandopfer mit Folgen

So lange das Runde ins Eckige muss, so lange muss es in unserem Kulturleben Traditionschöre geben, die sich mit Mendelssohns Oratorien-Dauerbrenner Elias messen. Zumindest dann, wenn sie eine Idee davon haben, wie sich folgende Szene anfühlt: „Der Herr ging vorüber, und ein starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging vor dem Herrn her." Die Amateure vom Berliner Konzert-Chor haben diese Idee und können sie in der Philharmonie auch eindrücklich vermitteln. Sie tun es Dank hörbar intensiver stimmbildnerischer Arbeit, die sie zu angstfrei offenen Höhen und klangvoll gestütztem Forte befähigt. Sie vermögen es auch durch die Reife, stimmliche Patina und gelassene Präsenz, die viele ältere Chormitglieder mitbringen. Innerlich gefestigt kann der Traditionschor so zu seinem 50-jährigen Jubiläum auf die Bühne treten - und das trotz des durchaus heilsamen Schocks, die zunehmende Konkurrenz um Fördermittel und der Stabwechsel an Jan Olberg in der jüngsten Vergangenheit mit sich brachten. Was Farbenreichtum und dramatisch glaubhafte Deklamation anbelangt, dürften sich Chor und Leiter dagegen noch mehr am Vorbild der Sopranistin Christine Wolff orientieren - auch wenn bei der Brandopferszene einzelne Funken übersprangen. Carsten Niemann

Berliner Zeitung vom 11.11.2004

Idee der Rührung, Mittel der Gegenwart

Der Berliner Konzert Chor feiert seinen 50. Geburtstag

Peter Uehling

Am Dienstag feierte man in Berlin nicht nur den 15. Jahrestag der Vereinigung von Ost und West, sondern auch den 50. Geburtstag des Berliner Konzert Chores, einer West-Berliner Institution, die seit 2001 einen im Ostteil der Stadt geborenen Dirigenten, Jan Olberg, zum Leiter hat. Aber auch über diese Petitesse hinaus ist der Konzert Chor mit der Berliner Geschichte verbunden. Der Bedarf an hymnischer Erhöhung war groß im von Trümmern und Aufbau geprägten Alltag in der Nachkriegszeit, die Zahl der überhaupt singfähigen Chöre jedoch klein. … Aus solcher Bedarfslage ist 1954 der Konzert Chor entstanden, und er zählt heute neben dem mehr als doppelt so alten Philharmonischen Chor, der Singakademie (Ost) und dem Ernst Senff-Chor zu den guten, großen Laienchören Berlins. … Jan Olberg und seine Ensembles - erstmals wurde der Chor vom neu gegründeten Berliner Konzert Orchester begleitet - gingen mit klarem, schlankem Ton, äußerst präzisem Zusammenspiel und oft sehr raschen Tempi gegen allzu große Sentimentalität an. Die Aufführung stellt zunächst dem Orchester ein sehr günstiges Zeugnis aus: Aus größtenteils sehr jungen Musikern bestehend, ist da seit seiner Gründung im Februar ein sehr exakt und mit großem Lautstärke-Spektrum musizierendes Orchester entstanden, das hervorragend mit dem Chor zusammenstimmt. …

MÄRZ 2002, Philharmonie Berlin

Beethoven: Missa Solemnis

Tagesspiegel vom 2.3.2002
KULTUR

Die Messe schwingt

Sanft wogen die Klavierauszüge in den Händen der Chorsänger. Wie ein Organismus bewegt sich der Berliner Konzert Chor während der Missa Solemnis, er klingt auch so. Mit homogenem Klang bringen sie die monumentale Konstruktion ins Schwingen. Zart schweben die leisen Stellen, geben Raum zur Reflexion über den von Beethoven überraschend originalgetreu vertonten Text. Ohne den Rahmen der katholischen Messe wird das Werk zum Oratorium, doch bleibt ein Kern transzendenten Inhalts. Der verin­nerlichte Gestus spricht. Auch laute Passagen behalten menschliches Maß. Chorleiter und Dirigent Jan Olberg hat seine Sänger wohl instruiert, hält auch die Berliner Symphoniker in verlässlichem Griff. Auch in diesem Konzert beweist Berlins billigstes Symphonieorchester seine Qualitäten. besonders in den tiefen Streichern und bei den Holzbläsern. Dabei verfolgt Olberg kein besonderes Konzept. Hier wird kein „historisch informierter" Beethoven zum Ereignis, kein außerordentlicher romantischer Schönklang erzeugt. Stattdessen solide aus- musiziertes Vertrauen in die Tragfähigkeit der Komposition. Und siehe: Wer den Noten vertraut und adäquate Solisten hat, kann nicht viel falsch machen. Celina Lindsley (Sopran), Renée Morloc (Alt). Michael Rabsilber (Tenor) und Karsten Mewes (Bass) Finden in der Missa Solemnis ohnehin keine Profilierungsmöglichkeiten, so fügen sie sich in ihr Ensembleschicksal. Einzig im flehenden Rezitativ kurz vor Schluss nimmt der Sologesang dramatische Formen an. Im Dienste des geistlichen Oratoriums, das keines sein will, führt der Chor zum nachhaltigen Hörerlebnis, gerade weil er sich nicht ordinär in den Vordergrund spielt.          Uwe Friedrich

Mai 2001, Stifts-Basilika Waldsassen

Szymanowski: Stabat mater

Schubert: Messe As-Dur

Der Neue Tag, Weiden, vom 29.5.2001

Berührungen zweier Stilepochen

Berliner Konzertchor interpretierte geistliche Werke von Szymanowski und Schubert

Lange anhaltender Beifall dankte dem Dirigenten Matthias Elger, dem Berliner Konzertchor, dem Karlsbader Symphonieorchester und den vier Solisten für die Gestaltung des zweiten Basilikakonzerts der Saison mit Szymanowski und Schubert. Von Anastasia Poscharsky-Ziegler, Waldsassen. (apz)
Zwei selten aufgeführte Werke in einzigartiger Verbindung gab es am Sonntag zu genießen. Die Basilika-Konzertreihe, präsentiert vom Medienhaus „Der neue Tag/Amberger Zeitung", stellte im zweiten Konzert der Saison Karol Szymanowskis „Stabat mater" und Franz Schuberts Messe As-Dur durch eine Hundertschaft von exzellenten Interpreten vor: den Berliner Konzertchor, das Karlsbader Symphonieorchester sowie den Solisten Esther Lee, Renée Morloc, Alexander Bassermann, Karsten Mewes und Organist Andreas Sagstetter. Kräftiger und ausdauernder Applaus dankte für die überragenden musikalischen Leistungen unter Dirigat von Matthias Elger. Zu einem Gemälde der polnischen Moderne mit avantgardistischen und folkloristischen Farben geriet Szymanowskis Schilderung des Geschehens unter dem Kreuz: Die sechsteilige Kantate sorgte geradezu für einen Sturm existenzieller Emotionen, dem durch zwei ruhige Trauersätze kurz Einhalt geboten wurde. Holzbläser, Blech und Streicher des Karlsbader Symphonieorchesters verbanden sich homogen zu einem runden Ganzen, vor dem die drei Solisten selbstbewusst drei starke, von Dramatik bestimmte Partien übernehmen konnten. Weibliche Grazie ohne einen Anflug von Schwäche stellte die aus Südkorea stammende, stimmlich sowohl kräftige wie sehr bewegliche Sopranistin Esther Lee vor. Frappant harmonierte ihre Lage mit dem vergleichsweise schlanken Alt von Renée Morloc. Das Tüpfelchen auf dem i steuerte jedoch das geradezu heroische Register von Bariton Karsten Mewes bei, der aus der Perspektive eines Predigers, unterlegt von monumentalem Tam-Tam-Donner, der Passion filmähnlich intensive Impressionen schuf. Matthias Elgers Kunst, peinlich genau auf höchst wirkungsvolle Details und Zäsuren zu setzen. gipfelte in paradiesischer Schönheit in den letzten zwei Worten "paradisi gloria" die akustisch kurz und sauberst voneinander getrennt wurden, um in einer grandiosen Verklärung zu verklingen. Die direkte Berührung der modernen Komposition mit Schuberts „Missa solemnis", die stets unter dem Schatten von Beethovens Werk steht, wirkte im direkten Vergleich zunächst sehr konservativ. Doch nahm die durch Tenor Alexander Bassermann erweiterte Darbietung so viel Gehalt und Feuer auf, dass die Absicht des Komponisten, zu Ehren am Wiener Holf zu kommen, überdeutlich wurde und gleichzeitig auch der Grund seines diesbezüglichen Scheiterns offenkundig wurde: Zu undogmatisch, zu unkonventionell, zu individuell war diese Messe für ihre Zeit und die Habsburger angelegt. Doch das macht das Opus gerade aus heutiger Sicht hochinteressant. Aus den zahlreichen positiven Eindrücken der Interpretation sei besonders die „Cum Sancto spiritu"-Fuge erwähnt, bei welcher der gemischte Chor in der unendlichen Komplexität stets sicher die Übersicht behielt, so dass der Hörer nicht durch polyphone Masse überwältigt wurde, sondern in einem feinen Klanggeflecht schwelgen konnte. Doch am liebsten hatte man jetzt noch ein da capo des Szymanowski gehört…

Januar 2001, Philharmonie Berlin

Karol Szymanowski: Stabat Mater

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Nachrichten Berlin Kultur 21.01.2001

Karol Szymanowski: Für Seelen bitten

Isabel Herzfeld

Das schmeichelhafte Etikett "bedeutendster polnischer Komponist seit Chopin" hat Karol Szymanowski nicht viel genützt. Als Impressionist und Symbolist in der Debussy- und Skrjabin-Nachfolge zu spät, als avantgardistischer Anreger zu früh, blieb der Bartók-Zeitgenosse ziemlich unbeachtet zwischen den Stühlen sitzen. Mehr als verdienstvoll also der Einsatz des Berliner Konzertchors und der Prager Philharmoniker KSO (die etwas kompliziert umbenannten ehemaligen Tschechischen Symphoniker Prag) für das "Stabat mater“, die 1928 erfolgte Vertonung der mittelalterlichen Kirchensequenz. Deren gregorianische Melodik, verbunden mit recht exotischen Volksmusik-Elementen, macht das Werk zur heiklen Intonationsübung. Darüber hinaus hat Szymanowski keine Instrumentationsfinesse ausgelassen, um den Klagegesang in ein sinnlich schimmerndes Gewand zu hüllen, fast zärtlich weich, wenn die Sänger am Ende zum Glöckchenklang um "paradisi gloria" für ihre Seelen bitten. Der junge Dirigent Jan Olberg, derzeit künstlerischer Leiter der Jugendgruppe des Chores, steuert den großen Musikertanker mit großem Engagement und zunehmend sicher durch diese Klippen, in hochdramatischen, die Todesfurcht aufwühlenden Passagen gelegentlich etwas pauschal, mit wachem Klangsinn in allem Lyrischen. Doch der eigentliche Glanzpunkt des Abends sind die Solisten: Esther Lee mit dunkel gestütztem klarem Sopran, Renée Morloc mit erdigem Alt, Marcus Ullmanns strahlkräftiger Tenor und Karsten Mewes' runder Bariton - unverbrauchte junge Stimmen, die aufeinander hören und so mit glaubwürdiger Empfindung so manches Staraufgebot übertrumpfen.

Mai 1999 Philharmonie Berlin

Verdi: Attila

Konzertante Opernaufführung

DER NEUE MERKUR, Wien, Juni 1999

"ATTILA" 21.5. (konzertant)

Die selten zu hörende Verdi-Oper füllte auch im kulturgesättigten Berlin den weit über 2000 Personen fassenden großen Saal der Philharmonie, was umso erfreulicher ist, als die Konzertdirektion Hans ADLER nicht mit ganz großen "Namen" lockte, jedoch mit einem hochrangigen Sängerensemble und ausgezeichneten Gruppenleistungen unter der musikalischen Leitung von Nikos ATHINÄOS (bzw. des Chordirektors Matthias ELGER) eine vollgültige Verdi-Interpretation bieten konnte. Wie viele gute Orchester es in deutschen Landen gibt, läßt mich immer wieder staunen. Gewiß hängt das mit dem intensiven Einsatz der Musiker zusammen, die in mittleren und kleineren Städten für Theater- und Konzertdienste zur Verfügung stehen müssen und sich somit eine gewisse Flexibilität aneignen. Günstig für anhaltende Qualität ist natürlich die langfristige Bindung eines effizienten Chefdirigenten. Das STAATSORCHESTER FRANKFURT (Oder) besteht seit 1971, und seit nunmehr 10 Jahren steht ihm der Grieche Nikos ATHINÄOS vor, mit dem es sich nicht zuletzt bei zahlreichen Auslandsgastspielen bewähren konnte. Zu bewundern war an diesem Abend, dem in gleicher Besetzung eine "Attila"-Aufführung im heimatlichen Frankfurt vorausgegangen war, das blitzsaubere Spiel einer Musikerschar, die mit dem geförderten Trompetenglanz für die Schlacht- und Siegesrufe, mit den schicksalsschweren Posaunen- und Tubenklängen ebenso wie mit lieblichen Holzbläserkantilenen und innig-intensiven Streicherpassagen aufwartete. Besondere Freude bereitete der Schlagzeuger, der mit wahrer theatralischer Lust "auf die Pauke haute", dennoch sich der kultivierten Spielweise seiner Kollegen anpaßte. Der Dirigent vermochte auch Chor und Solisten hervorragend ins spannende Klanggeschehen zu integrieren. Dem BERLINER KONZERTCHOR ist ein homogener, sehr disziplinierter Klang mit großer piano-Kultur zu attestieren, so daß die lyrischen Chornummern besonders wohltönend gerieten. Aber auch für die kriegerischen Akzente stand den Herren genügend Kraft und Präzision zu Gebote. Daß eine frühe Verdi-Oper nicht an die Grenze des Lächerlichen oder gar Chauvinistischen gerät, verlangt allemal von den Ausführenden stilistische Kompetenz und viel Geschmack. …

März 1998, Philharmonie Berlin

Felix Mendelssohn Bartholdy: Elias

BERLINER MORGENPOST vom 28.3.1998

Die verkappte Oper vom zürnenden Propheten

Berliner Konzert-Chor sang den „Elias"

Gemeinhin gelten Felix Mendelssohn Bartholdys Oratorien als klingendes Beispiel für den Historismus in der Musik, als musikalisches Pendant zu den Heiligenbildern der Nazarener. Gegen dieses Image opponierte nun Matthias Elger in der Philharmonie. Er erbrachte mit seiner am Ende bejubelten Interpretation des „Elias" den Beweis, daß der Komponist durchaus kein sanfter Musterknabe gewesen. ist. Mendelssohn als verkappter Opernkomponist - eine Interpretationsmöglichkeit, … deren Verwirklichung … über Zweifel erhaben ist Elger geht ganz richtig aus vom biblischen Vorläufer Jesu, der eben keine blässliche und genrehafte Figur gewesen ist … Der Auffassung … entsprach die vokale Konturierung durch Peter Lika. Mit … seiner imposanten Erscheinung, einem Propheten ähnlich, verströmte seine voluminöse Wotanstimme Pathos, Wucht und Würde. Am Elias orientierte sich offenbar der klangliche Aufriß der ganzen Wiedergabe: außerordentlich heftig alle Crescendi und jedes Forte, zugespitzt alle dramatischen Akzente, die von den hervorragend begleitenden Berliner Symphonikern sowie. dem Organisten Reiner Stelzner nachdrücklich gesetzt wurden. Trotz des permanent scharf angezogenen Tempos kam der Konzert-Chor kein einziges Mal aus dem Takt, rutschte bei aller Vehemenz des Singens nicht ins Forcieren ab. … in dieser Großzügigkeit lag der große Atem, das interpretatorische Feuer, das vom ersten bis zum letzten Takt anhält. … Annette Yasmin Glaser (Sopran), Christine Esterhazy (Alt) und Markus Liske (Tenor) füllten ihre … Rollen …voll und ganz aus. Wolfgang Schultze