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1. Abonnement-Konzert der Saison 2005 / 2006
Mittwoch, 2. November 2005, 20.00 Uhr
Philharmonie (Gr. Saal)
Georg Friedrich Händel - MESSIAH
Werkeinführung von Dr. Gerd Belkius
aus dem Konzertprogrammheft vom 2.11.05
Händel war eine gleichsam
europäische Erscheinung. Er wurde 1685 in Halle an der Saale geboren, das zum
Erzstift Magdeburg gehörte. Gemäß dem Westfälischen Frieden von 1648 fiel
dieses 1680 nach dem Tod seines Administrators August, Herzog von
Sachsen-Weißenfels, an das Kurfürstentum Brandenburg. Wenn Händel bei seinem
Italienaufenthalt von Verehrern herzlich „il caro Sassone“, der liebe
Sachse, genannt wurde, traf dieser Name nur noch bedingt zu. Später, nach
jahrzehntelangem Wirken in London, hatten die Engländer den George Frideric Handel
ganz zu einem der Ihren gemacht. 1727 gaben sie ihm auf Antrag die englische
Staatsbürgerschaft. Doch das war ein langer Weg mit vielen Auf und Ab. Als
Spieler an der Orgel und am Cembalo sowie als Komponist von Instrumentalmusik
konnte er die Hörer seiner Wahlheimat stets überzeugen. Dreimal jedoch trieben
von ihm gegründete und geführte Opernunternehmen auf den Zusammenbruch zu,
verbunden mit drohendem finanziellen Ruin und 1737 mit halbseitiger Lähmung
nach einem Schlaganfall endend. Der Zeitgeschmack hatte sich verändert, adlige
Gönner wandten sich ab und dem Starkult ihrer Tage zu. Die italienische Opera
seria, die Händel noch einmal zu einem echten Höhepunkt und zu seiner ganz
persönlichen Schöpfung formte, verlor in London ihre gesellschaftlichen Träger.
Mit dem Oratorium
schließlich setzte sich Händel durch. In England sprach man darauf von Händel,
dem Riesen (körperlich groß war er ja auch noch), nannte ihn den Orpheus
unserer Zeit. Noch zu Lebzeiten rühmte man ihn dort und in Halle als den britischen
Lully. Und für Johann Gottfried Herder stand fest: Händel war ein
Deutscher.
Am Wendepunkt in Händels
Leben stand 1741 eine Einladung zu Konzerten nach Dublin. Die irische
Hafenstadt hatte sich damals zu einer Metropole gemausert und war zu einem der
größten europäischen Musikzentren geworden. Mehrere Musikvereine, Chöre und
Orchester, gaben der Stadt mit regelmäßigen und offensichtlich künstlerisch
bedeutsamen Konzerten ein illustres Gepräge, als Aufführungsorte standen
öffentliche Konzerthallen zur Verfügung.
Händel gestaltete dort
Konzerte und hatte, anders als zuletzt in London, damit Erfolg. Nach neun
Monaten Aufenthalt schließlich war er sich sicher und zeigte der Öffentlichkeit
sein liebstes Kind: den Messiah. Kurz vor der Abfahrt nach Dublin hatte
er das Oratorium in einem wahren Schaffensrausch in London quasi aus sich
herausgepresst, komponiert vom 22. August bis zum 14. September, in 24 Tagen
also - das wirkt sensationell bis heute! Lediglich sechs Nummern gehen auf
frühere Arbeiten (italienische Arien und Duette) zurück.
Das Anliegen dieses Werkes
galt auch in Dublin als kühn. Der Librettist Charles Jennens, der schon in
anderem Zusammenhang mit Händel kooperiert hatte, lieferte eine in drei Teile
gegliederte Zusammenstellung originaler Bibeltexte zu den Themen Ankündigung
des Messias und Geburt Jesu, Passion und Auferstehung sowie Triumph des ewigen
Lebens. Es sind die Kernbereiche der christlichen Lehre. Das Heiligste
sozusagen auf einer profanen Konzertbühne dargeboten - da musste man wohl doch
mit puritanischen Ängsten rechnen. Bei der Uraufführung am 27. März 1742 in
einem Wohltätigkeitskonzert für Strafgefangene im Mercer’s Hospital,
veranstaltet in Neals Music Hall, geht daher das Werk mit dem Titel Grand
Oratorio called the Messiah über die Bühne. Erst 1749, nach seinem
Siegeszug in die Herzen der englischen Hörer, wird es seinen lapidaren Namen Messiah
erhalten – sogar ohne den Artikel „the“. Der Erfolg in Dublin ist riesig.
Händel hat sozusagen auf das richtige Pferd gesetzt. Mit dem Messiah eroberte
er sich ein neues Publikum.
In seiner Haltung ist Händel
ganz Aufklärer. Als im Folgejahr Lord Kinnoul die „edle Unterhaltung“ durch
eine Messiasaufführung rühmt, antwortet er: „Ich würde bedauern, wenn ich meine
Zuhörer nur unterhalten hätte, ich wünschte sie besser zu machen.“ Später wird
man sagen, dass er mit seinen Oratorien auf alttesttamentarische Bibelstoffe -
viele folgen auf den Messiah - den „angebornen Ernst der Engländer sehr
angemessen erachtete“. Nun, der ist wohl weniger „angeboren“, sondern eher
erarbeitet worden. In England, seit 1707 mit Schottland zum Königreich von
Großbritannien verbunden, die alte Kolonie Irland einbeschlossen, hat sich das
Bürgertum etabliert. Es hat im Lande politischen Spielraum erkämpft, seine Bill
of Rights erstritten, ist in der Wirtschaft, im Handel, in den
Wissenschaften und Künsten erfolgreich, Großbritannien
besitzt eine mächtige
Flotte, dominiert zunehmend die Welt und hat ein riesiges koloniales Reich
zusammengerafft. Wen sollte es wundern, dass sich dieses Volk als ebenso
auserwählt einschätzt wie das biblische Volk der Juden. Stoffe und Gedanken im
alttestamentarischen Gewand betrachten die Engländer als für sie selbst
maßgeschneidert. Händels Geschichtsoratorien werden akzeptiert, die
feudal-absolutistischen Intrigen seiner Opernstoffe nicht mehr. Was sie
übersehen: Händels Musik setzt sich haushoch über die Haupt- und Staatsaktionen
der Oper hinweg, seine Menschlichkeit triumphiert auch da. Was das englische
Publikum auch übersieht: Das „gottgefällige“ Leben der Engländer, ihre
Sonderstellung gründen auf Mord und Totschlag, auf Sklavenhandel, auf
Ausbeutung der eigenen unteren Klassen und der Kolonien.
Der Messiah
besitzt keine Funktion für den Gottesdienst. Er wurde für den Konzertsaal
komponiert und von Händel stets da, nur gelegentlich im Theater, aufgeführt,
nie in der Kirche, obwohl doch christlicher Glaube für Händel Antrieb zum
Komponieren war. Nach William Coxe erklärte er in Unterhaltungen öfter, „welch
hohes Glück es ihm bereite, Worte der Heiligen Schrift in Musik zu setzen, und
welches Maß an Erbauung er erlebe bei der Betrachtung der erhabenen Gedanken,
die in der Heiligen Schrift enthalten sind."
Das Werk kommt ohne äußere
Handlung aus. Jennens lieferte eine Sammlung von Arien und Chören (nur ein
einziges Duett ist eingesetzt), in denen indirekte Rede sowie Reflexionen auf
großes biblisches Geschehen einander folgen. Die Zusammenhänge werden als
bekannt vorausgesetzt. Die Rolle des Evangelisten ist nicht nötig, auch Choräle
fehlen. Das Rezitativ wird fast durchweg als Accompagnato ausgeführt, also
nicht mit traditionell harmonischen Akkorden gestützt, sondern zum
auskomponierten und individualisierten Arioso im liedhaften Ton gewandelt.
Gerade mit seiner schlichten, ausdrucksstarken Melodik bei Solisten und dem
Chor, insbesondere sogar bei der Übernahme einer instrumentalen italienischen
Hirtenmusik (Pifa), erweist sich Händel nicht nur als Vollender barocker
Kompositionsideale, sondern bereits als ein der musikalischen Klassik
Nahestehender. Der alte Typ der opernmäßigen Da-capo-Arie erscheint nicht mehr,
lediglich die dramatisch-wuchtigen Arien des Bass-Solisten gehören noch in ihr
Umfeld. Trompeten und Posaunen sind nur im Halleluja und im Schlusschor
sowie in nur einer Arie eingesetzt. Es gibt keine prachtvollen Doppelchöre.
Doch hat der Chor Großes zu leisten. Schon John Mainwaring, der erste Biograph
betonte 1761, dass Händel dabei „ohne Nebenbuhler bleibt“. Mainwaring hebt die
Chöre Denn, es ist uns ein Kind geboren, Hoch tut euch auf und
das Halleluja hervor und setzt fort: „Nach diesen starken Bestrebungen
des Geistes treffen wir ihn noch höher an in den 3 Schlusschören, deren jeder
den vorigen übertrifft, bis im Aufwickeln des Amens das Ohr dermaßen mit einer
harmonischen Glut erfüllet wird, dass die Seele dadurch in eine Art himmlischer
Entzückung gerät.“ Na, das ist doch etwas! Außerdem besingt Mainwaring die
anmutvolle Schönheit des Duetts. Charles Burney bezeichnete die Arie (Alt) Er
war verschmähet und verachtet als die „vielleicht trefflichste in
englischer Sprache“. Dieses Lob galt dem „Ausländer“ Händel!
Die glänzende Wirkung von Dublin wiederholte sich zunächst nicht bei der Londoner
Erstaufführung am 23. März 1743. Diese sowie weitere Aufführungen waren
schlecht besucht, die früheren adligen Gönner hatte es zur Konkurrenz gezogen
und die Anwesenden wollten sich nicht für diese neue Kunst erwärmen. Ähnlich
sah es bei anderen oratorischen Konzerten Händels aus. Als Freunde die Leere
des Saales bedauerten, antwortete Händel sarkastisch: „Das macht nichts, desto
besser wird die Musik klingen.“ Lediglich König Georg II. und der Prinz und die
Prinzessin von Wales hielten ihm die Treue, ließen kein Oratorium aus, so dass
Lord Chesterfield den Besuch eines Oratoriums bösartig „ein Eindringen in die
Privatgemächer seiner Majestät“ nannte.
Ein völliger
Umschwung ergab sich von außen. 1745/46 landete der Thronbewerber Karl Eduard
Stuart in Schottland und marschierte auf England zu. Freiwillige rückten aus und
bereiteten ihm unter Führung des jungen Herzogs von Cumberland in der Schlacht
von Culloden eine vernichtende Niederlage. Zur Feier des Sieges bietet Händel
sein neues Werk Judas Makkabäus, den Freiheitsgesang eines bedrängten
Volkes. Nun verstanden ihn die Engländer! Sie jubeln ihm zu. Auch der Messiah
sowie andere Oratorien werden jetzt angenommen, mit steigender Popularität.
Händel hat ausgesorgt. Mit regelmäißigen Aufführungen des Messiah,
jährlich auch einmal zugunsten des
Londoner Waisenhauses, heimst er steigenden Ruhm und ein kleines Vermögen ein.
Für das Waisenhaus kann man
infolge seiner Zuwendungen eine Orgel aufstellen. Als Händel 1751 erblindet,
übernehmen bald darauf befreundete Dirigenten die Leitung der Messias-Aufführungen.
In den Konzertpausen brilliert der Meister fortan noch auf „seinem“ Instrument
– der Orgel. Am 6.April 1759 sieht man ihn letztmalig in einer Messias-Aufführung.
Eine Woche darauf, am 14.April, stirbt Händel.
Es fand kein öffentliches
Begräbnis statt. Die Beisetzung erfolgte in der Westminster-Abtei. Das Grabmal
gab Händel selbst und auf eigene Kosten in Auftrag. In Marmor lehnt er da an
einer Orgel, lauscht einer Engelsmusik über ihm und notiert auf ein Blatt die
Anfangstöne seiner berühmten Alt-Arie Ich weiß, dass mein Erlöser lebet.
Aus dem Messiah.
Die englische
Händel-Begeisterung blieb ungebrochen. 1784 kam es – ein Jahr zu früh – zu
einer Zentenarfeier mit repräsentativen Aufführungen, darunter auch dem Messiah.
Dabei und in den folgenden Jahren wurden Hunderte Mitwirkende eingesetzt, sogar
von 1.000 Sängern und Musikern in einem Konzert ist zu berichten!. Charles
Burney notierte schon damals Erstaunliches zur Messias-Rezeption, denn
man hat „dies große Werk in allen Gegenden unseres Reichs mit immer wachsender
Hochachtung und Zufriedenheit gehört. Es hat die Hungrigen gespeiset, die
Nackenden bekleidet, die Waisen verpflegt und eine Reihe von Unternehmern der
Oratorien mehr bereichert als irgendein andres einzelnes musikalisches Produkt
dieses oder irgendeines andern Landes.“ Und Herder brachte es 1802 auf den
Punkt: „Dies große Stück, auf einfachen biblischen Worten beruhend, ist wert zu
dauern, solange eine Saite gerührt, ein Instrument angehaucht wird. ... seit
1743 ist es in London und überall die andaurende Trommete von Händels Ruhm
geworden und geblieben.“ Und so ist es noch heute.
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